Paris Brest Paris 2015

Oder: Eine kulinarische Reise durch die Bretagne mit Schwerpunkt Pasta.

Das Fotoalbum zu meinem PBP Abenteuer findet ihr hier.


1.230 Kilometer, rund 12.000 Höhenmeter und etwas mehr als 6.000 Teilnehmer aus 166 Nationen. Das sind die beeindruckenden Fakten von PBP, dem bekanntesten Langstrecken-Radmarathon, der Welt.

PBP Historie. Quelle: www.audax-randonneure.de

Quelle: www.audax-randonneure.de

Paris Brest Paris fand erstmals 1891 statt. Damals wurde es als Radrennen für Profis und Amateure ins Leben gerufen. Seit 1931 gehen ausschließlich Hobbyradfahrer an den Start und es findet unter der Bezeichnung ‚Randonnée‘ (= Wanderung / Radwanderung) alle vier Jahre statt. Damit ist PBP das älteste, heute noch ausgetragene Radrennen der Welt. Wobei es eigentlich, wie der Name Randonnée schon sagt, kein Rennen sein soll.

Im Gegensatz zu den ‚Race across‘ und ‚Race around‘ Rennen, fährt man bei PBP und den dazugehörigen Qualifikationsbrevets (200km, 300km 400km, 600km), die jeder Teilnehmer absolviert haben muss um teilnehmen zu dürfen, ohne Begleitfahrzeug und -crew. Für Verpflegung und Versorgung ist man selbst zuständig, sein (Minimal-) Gepäck führt man am Rad mit.

Logo Paris Brest Paris 2015Der Weg ist das Ziel. Für eingefleischte Randonneure ist die Zeit zweitrangig, so übrigens auch bei mir. Ich zähle mich zwar nicht zu den eingefleischten Randonneuren, möchte mir aber die Randonnées als Erlebnis und die ‚Race across‘ oder 24 Stunden Rennen als Wettkampf bewahren.

Für die meisten zählt natürlich die Endzeit. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, solange die Philosophie der Veranstaltung gewahrt bleibt. Leider gibt es zahlreiche Teilnehmer, die sich aus dem Begleitfahrzeug versorgen lassen, Wasserträger und Führungsradfahrer um auf Platzierung oder Bestzeit zu fahren. Da dies bei der letzten Austragung 2011 über Hand nahm, hat der Veranstalter 2015 eine Mindestzeit eingeführt. Wer schneller als 43:56 Stunden (28 km/h Durchschnitt) fährt, dessen Zeit wird nicht homologiert (offiziell anerkannt). Eine wunderbare Regelung, wie ich persönlich finde.

Paris Brest Paris 2015

Start und Ziel war dieses Jahr zum ersten Mal das Vélodrome National in Saint-Quentin-en-Yvelines, einem Vorort von Paris. Von hier ging es über die Felder der Normandie und die Hügel der Bretagne an den Atlantik und wieder zurück.

Etwa alle 90km gab es Kontrollstellen, wo man seine Kontrollkarte stempeln lassen musste. In jeder Kontrollstelle gab es ein Restaurant mit warmen Essen rund um die Uhr, ein Kiosk für Kleinigkeiten, Schlafmöglichkeiten in Schlafsälen oder Mehrbettzimmern sowie eine Verkaufsstelle für jegliches Radzubehör. Aber auch Batterien, Energieriegel, Getränkepulver, ja sogar Maltodextrin in der 500g Dose konnte man erstehen. Im Grunde fehlte es an nichts, außer an Zeit. Denn die Kontrollstellen waren Zeitfresser. Sie waren immer perfekt organisiert und beschildert, aber sehr weitläufig und bei insgesamt 6.000 Fahrern ständig voll.

Warteschlangen sind bei Paris Brest Paris obligatorisch. Das fing schon am Samstag bei der Rad Kontrolle und bei der Abholung der Startunterlagen an. Eine einzige Geduldsprüfung. Vielleicht auch daher die Bezeichnung ‚Brevet‘ = Prüfung ;-)

Warteschlangen sind obligatorisch. Hier bei der Rad Kontrolle am Samstag. Eine einzige Gedulds-prüfung. Vielleicht daher die Bezeichnung ‚Brevet‘ = Prüfung ;-)

An den Kontrollstellen war oftmals Geduld gefragt. Die Ein- und Ausfahrten waren stets eng und der Platz um das Rad abzustellen begrenzt. Die Laufwege waren mitunter lang, da Stempelstelle, Restaurant und Kiosk manchmal in verschiedenen Gebäuden untergebracht Einzig für den Stempel selbst musste ich nie anstehen. Die Stempelstellen waren immer als Einbahnstraße organisiert. Zu einer Tür rein, an den Biertischen mit mehreren Stempel-Gebern vorbei und zur anderen Tür hinaus. Genial gelöst!

Villaines-La-Juhel - Top organisierte Kontrollstellen. Es fehlt an nichts.

Villaines-La-Juhel – Top organisierte Kontrollstellen. Es fehlt an nichts.

Der logistische Aufwand ist unglaublich! Alleine bei der aller ersten Kontrollstelle nach 140km in Mortagne-au-Perche sind sicher schon 2.000 Radfahrer vor mir da gewesen. Das bedeutet bereits 2.000 Stempel verteilt, 2.000 mal Getränke und Verpflegung bereitet und verkauft und nach 2.000 Leuten muss auch das Toilettenpapier schon mehrmals nachgefüllt worden sein. Anders als z.B. beim Ötztaler gibt es ja nicht nur Energieriegel, Brötchen, Kuchen und Iso, sondern die komplette Versorgung, die man für ein vier tägiges Dauerevent benötigt.

Ich bin am Sonntag um 18:00 Uhr gestartet. Ab 16:30 Uhr starteten alle, die unter 80 Stunden ins Ziel kommen wollten, ab 17:00 Uhr die Sonderstartgruppen für alle Tandems, Tridems, Liegeräder, Velomobile und andere, mit einer Kette, zwei Rädern und Muskelkraft angetriebene Vehikel. Von 17:30 bis 20:00 Uhr ging die Masse an den Start, welche sich für die klassischen 90 Stunden Maximalzeit entschieden haben. Zuletzt folgten am Montagmorgen ab 05:00 Uhr noch alle, die die Strecke in 84 Stunden bewältigen wollten.

Freiwilliger Helfer belegen rund um die Uhr Baguette im AkkordDas bedeutet für die Kontrollstellen, dass ununterbrochen Radler kommen. Mitunter 2-3 Tage am Stück! Denn auf dem Hin- und Rückweg werden dieselben Kontrollstellen angefahren. Das heißt, 72 Stunden lang müssen ununterbrochen Nudeln gekocht, Fleisch gebraten, Baguette belegt, Betten neu bezogen, Toiletten und Tische gereinigt, Getränke verkauft werden. Und das alles von freiwilligen Helfern. Da stehen dann drei ältere Damen um 04:30 Uhr hinterm Biertisch und belegen Baguettes im Akkord. Unglaublich! Im Hinblick darauf, dass es keine kommerzielle Veranstaltung ist und nur alle vier Jahre stattfindet, ist diese Logistik unfassbar genial!

Um Zeit zu sparen und den Warteschlangen aus dem Weg zu gehen, werden von den Radlern aber auch alle Märkte, Bistros und Baguetterias unterwegs überfallen. Die Meisten haben extra für PBP 24 Stunden geöffnet oder verkaufen Bratwürste vom Grill, Crêpes u.ä. vor der Eingangstür. Die Radler freuen sich über alles ess- und trinkbare und die Verkäufer freuen sich über 6.000 hungrige und durstige Radler. Eine perfekte Symbiose!

Dekoration der Dörfer und StädteNeben den Kontrollstellen und rund um die Uhr schaffenden freiwilligen Helfer werden mit zwei weitere Dinge besonders in Erinnerung bleiben: Zum einen die radsportbegeisterte Bevölkerung, vor allem in der Normandie. Nicht weit nach Paris kamen wir für ein paar Stunden auf die Route der Tour de France 2015. Hier waren Straßen und Häuser geschmückt, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Und es wurde für PBP nicht nur stehen gelassen, sondern vielfach extra für uns um dekoriert. Man fuhr durch Orte, an denen Trikots über die Straße gespannt waren, bunte oder geschmückte Fahrräder an Hauswänden, in Kreisverkehren u.ä. hingen und standen, mit großen Strohballen konstruierte Schaubilder am Wegesrand zu bewundern waren und vieles mehr.

Zuschauer überallDabei alleine blieb es aber nicht. Bald standen Tag und Nacht Zuschauer am Straßenrand und applaudierten. Auch wenn nur zwei, drei Leute zufällig zusammen an einer Kreuzung standen, wurde applaudiert, gewunken und bon courage oder bon route gewünscht. Da war eine Viererkreuzung, mitten auf dem platten Land und die Leute aus den umliegenden Dörfern fuhren mit dem Auto oder Rad an die Kreuzung, trafen sich dort und feuerten die Radler an, die ununterbrochen vorbeikamen. In Deutschland undenkbar. Alte Leute saßen mit ihren Enkelkindern auf Plastikstühlen vor ihren Häusern, in manchen Orten gab es sogar extra für PBP ein Fest mit Musik, Essen- und Getränkeständen. An einem Ort dachte ich, dass es ein Dorffest sei, das nichts mit uns zu tun hatte. Am Wegesrand stand eine kleine Gruppe Musiker mit Akkordeons, die für uns spielten, der Rest sah nach normalem Dorffest aus. Ich habe dort ein Crêpe gegessen und Cola gekauft, Zuschauer überalldas weiß ich noch, aber wo und wann das war, kann ich nicht mehr sagen. Irgendwann abends auf dem Weg nach Brest. Am nächsten Tag fuhr ich auf dem Rückweg wieder hier durch. Und? Genau. Der Grill war an, Leute waren da und es standen drei Damen da und spielten Akkordeon für uns. Ob es dieselben waren weiß ich nicht, aber ich könnte es mir vorstellen.

In einem anderen Dorf spielte auf der Terrasse eines Irish Pubs eine kleine Musikgruppe und jeder, der den kleinen Stich in den Ort hochfuhr, wurde mit einem anderen Lied und Gesang angefeuert. Das war irgendwann am Mittwoch. Vormittag, Mittag, Nachmittag, wer weiß das schon noch? Hier habe ich auch Pause gemacht, mir schwarzen Tee in die Radflasche füllen lassen und 15 Minuten gesessen und auf Facebook gepostet. Das war auf jeden Fall eine der drei Flaschen schwarzen Tees, die mich zu dem Zeitpunkt am Leben gehalten haben.

Kaffee, Wasser, Kekse uvm. gratis, nahezu 1200km lang!Mehrmals pro Stunde fuhr man an Leuten vorbei, die Wasser, Kaffee, Kekse, manchmal sogar Crêpes, Bananen u.ä. verschenkten. Wenn es nachts wurde sind die Leute oft ins Bett, dann stand nur noch der Klapptisch vor der Gartentür und darauf Wasserflaschen, Keksschachteln etc. zur freien Verfügung. Es gab aber auch viele Leute, die die gesamte Nacht über Kaffee und Wasser ausschenkten. Unfassbar. Eine Gruppe junger Leute stand einmal mit ihrem Auto mitten in der Pampa und hat dort wirklich viel verschenkt! Obst, Limo, Cola, Kekse. Einfach so. Die sind dorthin gefahren, haben einen Tisch aufgebaut und die Radfahrer versorgt. Das war wirklich phantastisch!

Dekoration der Dörfer und StädteAuf den letzten 300 Kilometer wurde es zunehmend mehr. An der Kontrollstation in Villaines waren wirklich viele Leute da und applaudierten und eigentlich in jedem Dorf standen mittlerweile Schilder mit ‚Paris 280km ->‘ und ähnlichem. Einmal hing ein großes Banner quer über die Straße, auf dem stand: „Hold courage, Paris is on the horizon!“ Ich bekomme noch Gänsehaut, wenn ich mich daran zurück erinnere!

Schlafende Radfahrer überallDie zweite, unvergessliche Begebenheit sind schlafende Menschen. Immer, überall und in den undenkbarsten Positionen und Orten. Jeder Randonneur hat zumindest eine Rettungsdecke dabei, für genau diese Situationen. Ich hatte einen Biwaksack aus Rettungsfolie, -Quasi die Nobelvariante. Viele schlafen bewusst unterwegs auf der Strecke, um Zeit zu sparen oder Ruhe zu haben. Deshalb lagen oft und überall Radfahrer herum. Tags, nachts, immer! Im Schlafende Radfahrer überallGras, auf Bänken einmal sogar, einfach im Vorgarten auf einem wunderbaren englischen Rasen. Einfach rein gelegt. Haha! Genial. Ich fuhr nachts um 5 Uhr an Leuten vorbei, die ohne jeglichen Schutz einfach so im Gras geschlafen haben. Brrrr. Gen Schluss sah ich immer öfter Radler, die auf ihrem stehenden Rad, auf dem Oberrohr saßen. Ein Fuß links, ein Fuß rechts und den Kopf auf die Arme auf dem Lenker abgelegt hatten. Ich wusste nicht, dass man in der Stellung einen Schlafende Radfahrer überallPowerNap machen kann. Ich wäre bestimmt umgefallen!

Da die Nächte kälter waren als erwartet, haben sich aber doch die meisten in den Kontrollstellen zum Schlafen gelegt. Wer nur kurz schlafen wollte, hat eh den Fußboden genommen. Wer länger schlafen wollte, ein Bett für ca. 4,- Euro inkl. Decke und Kissen und Weck-Service.

Leider kann man nicht genug Betten für 6.000 Radfahrer anbieten. Als die Betten belegt waren, nahmen alle anderen den Fußboden und so wurde es in der dritten Nacht recht kuschlig auf dem Fußboden des Restaurants, auf den Treppen zum Restaurant, im Gang zum Klo, im Foyer der Halle, einfach überall. Als ich eingeschlafen bin, gab es noch mehr Sitzplätze als Liegeplätze, aber als ich drei Stunden später aufgewacht bin, war nur noch an zwei Tischreihen Platz zum Sitzen, überall sonst lagen Leute und schliefen.

Viele Leute haben Fotos von den schlafenden Leuten gemacht, auch das Internet ist voll davon und in jedem Artikel, den ich seither gelesen habe, sind diese Bilder abgebildet. Ich glaube, jeden Erstteilnehmer hat das beeindruckt. Deshalb wurde mir im Vorfeld auch einmal geraten, nur keinen falschen Stolz zu haben. Jetzt weiß ich warum.

 

Paris Brest Paris 2015 ImpressionenNun aber nun zu meinem Rennen: Es war perfekt! Es waren 78 phantastische Stunden und drei wunderbare Minuten. Davon saß ich rund 50,5 Stunden auf dem Rad, was eine Nettogeschwindigkeit von 24,2 km/h ergibt. Das Wetter war perfekt. Kaum Gegenwind aber Rückenwind auf den letzten 150km. Kein Regen, tagsüber Sonne, einzig die Nächte waren kalt. Alles in allem kann ich nur sagen, es war phantastisch.

Schon die Anreise nach Paris verlief problemlos. Mit dem TGV ab München, ohne Umsteigen, für 67,- Euro mit Bahncard 25 in 6,5 Stunden nach Paris. Räder müssen im TGV verpackt werden, also beide Laufräder raus und ab in eine leichte Nylontasche. In Paris fix Laufräder wieder rein, Nylontasche in den Rucksack, fertig. Perfekt. Zimmer über AirBnB für 35,- Euro pro Nacht. 10km von Start und Ziel entfernt; Kurz nach 22 Uhr am Freitagabend war ich dort.

Samstag um 10:40 hatte ich mich zur Rad Kontrolle gemeldet. Man musste bei der Registrierung eine Zeit wählen. 10:40 Uhr war die falsche Zeit! Das nächste Mal werde ich am Nachmittag hingehen, denn nachmittags war wesentlich weniger los als am Vormittag. Also Anstehen, Anstehen, Anstehen. Erst bei der Rad Kontrolle, dann bei den Startunterlagen und dann geschlagene 90 Minuten für das vorbestellte Trikot. Hier befand man sich aber zum ersten Mal inmitten aller teilnehmenden Nationen. Man musste sich nur einmal im Kreis drehen und sah jede Menge Nationaltrikots. Natürlich Frankreich, USA, England, usw. aber auch Indien, Südafrika, ganz viele Asiaten aus aller Herren Länder dort, Mexiko, Neuseeland und viele außergewöhnliche Nationen mehr, von denen man nicht geahnt hätte, dass sie hier mitmachen. Zum ersten Mal wurde mit deutlich bewusst, wie besonderes diese Veranstaltung ist!

Gegen 13:30 Uhr hatte ich endlich mein Zeug zusammen. Geschlagene drei Stunden rumstehen. Ich war hungrig und durstig. Also ging ich erst gemütlich Pasta essen.

Deutsche Randonneure bei Paris Brest Paris 2015Um 17 Uhr gab es einen Fototermin für alle deutschen Randonneure. Die Deutschen stellten zum ersten Mal die zweitgrößte Teilnehmerzahl hinter den Franzosen. Es waren 522 Deutsche am Start, darunter aber nur 29 Frauen. Überhaupt ist die Frauenquote extrem gering. 2011 finishten 3.860 Männer aber nur 208 Frauen! Das sind 5,11%. 2007 waren es 6,65%. 2015 waren 5,55% der Deutschen weiblich. Mädels, was ist nur los?

Das Durchschnittsalter aller Teilnehmer lag 2007 bei 49,7 Jahren. Der älteste Deutsche 2015 war 84 Jahre und der jüngste gerade mal 19 Jahre alt. Insgesamt gingen vier Teilnehmer, die älter als 80 Jahre sind, an den Start. Der 72 jährige Claus Czycholl, ein Urgestein der deutschen Randonneur Szene, ist übrigens mit dem Rad von Hamburg nach Paris gefahren, hat PBP gefinisht und ist mit dem Rad wieder heim….

Friedhelm Lixenfeld, 84 Jahre altDer 84 jährige Friedhelm Lixenfeld, vermutlich auch ältester Teilnehmer überhaupt, hat beim Fototermin eine herrlich amüsante Rede gehalten. Mit vielen kleinen Anekdoten und Geschichten aus seinem Radler-Leben wollte er uns Eines mit auf den Weg geben: „Man solle das Reisen nicht vergessen“. Viele fahren so schnell, dass sie gar nichts von Land und Leute mitbekommen, was er schade fände. Genau wie ich, deshalb war mein oberstes Ziel für meine erste Teilnahme, die Veranstaltung zu genießen. An Friedhelms Worte musste ich während der 1230km oft denken! Auch daher meine Bezeichnung für den Radausflug: Eine kulinarische Reise durch die Bretagne.

Zum kulinarischen Teil. Das war ein nicht unerheblicher Teil aller meiner Gedanken, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Wie in meiner aktiven Zeit als Triathletin allzu oft selbst erlebt, und wie ich es meinen Athleten ständig vorbete, es dreht sich auf der Langstrecke alles um die Ernährung. Ich scheine das mehr als verinnerlich zu haben. Deshalb drehten sich wohl auch alle meine Facebook Postings irgendwie ums Essen. Oder auch mal ums Schlafen. Manchmal auch um die Landschaft. Aber eigentlich ums Essen. 😉

Mitternachtsessen in Carhaix

Mitternachtsessen in Carhaix

Frühstück in Brest

Frühstück in Brest

 

 

 

 

 

 

Henkersmahlzeit in Mortagne, 140km vor Paris

Henkersmahlzeit in Mortagne, 140km vor Paris

3 Gänge Menue am Tag danach in Paris

3 Gänge Menue am Tag danach in Paris

 

 

 

 

 

 

Ich hatte einen groben Zeit- und Ernährungsplan: Alle 100km Pause á 0,5h, dabei eine Kleinigkeit Essen (Croissant, Bratwurst, etc.), während der 100km stündlich Riegel, Banane, Baguette.

Alle 200km eine große Pause á 1h + 0,5h Zeitpuffer, dabei eine normale, warme Mahlzeit essen. Alle 350km Schlafpause á 3h schlafen + 1h Essen, vor dem Schlafen normales, warmes Essen, nach dem Schlafen ein ‚Frühstück‘. Also: 363km bis Tinteniac, dort schlafen. Weitere 335km bis Carhaix auf dem Rückweg, dort Treffen mit Michael und Anette und Schlafen in ihrem Auto. Der Rest sollte sich ergeben.

Zusammengerechnet würde das eine Endzeit von 75 Stunden ergeben:

Netto Schnitt von 22 km/h = 55 Stunden netto.
Pausen insgesamt 17,5 Stunden
Zusätzlicher Puffer 2,5 Stunden
55+17,5+2,5= 75 Stunden Endzeit.

Letztlich habe ich diesen Zeitplan zu 95% eingehalten, obwohl sich der Rennverlauf ganz anders gestaltete. Ich brauchte deutlich mehr Zeit für die Pausen (insgesamt ca. 26,5 Stunden), war aber mit 24,2 km/h unterwegs (= 50,5 Std. Fahrzeit netto). Auch die errechnete Endzeit habe ich mit 78:03 Stunden fast eingehalten, womit ich mehr als zufrieden bin!

Impressionen Paris Brest Paris 2015Insgesamt lief alles rund. Und es lief gut: Ein kleiner Hungerast bei km 200, weil ich mich von Freitag bis Sonntag nicht vernünftig ernährt habe. Diverse Höhenflüge, meistens 2-3 Stunden nach einer warmen Mahlzeit, wenn die Nudeln im Blut angekommen waren. Ein großer Einbruch mit erbärmlichen Schmerzen in den Oberschenkeln von Dienstagabend bis Mittwochabend, rund 250km andauernd. Inklusive einer dreistündigen Schlafpause in der Nacht, einer Nach 2,5h Schlaf im Auto von Michael und AnnetteZwangspause am Mittag, weil ich absolut am Ende war, und diversen kürzeren Pausen, wann immer sich eine gute Essens- oder Getränke Gelegenheit ergab. Das zog sich und es waren wirklich harte Stunden. Aber es ging immer voran!

 

 

Impressionen Paris Brest Paris 2015Auf den letzten 110km war der Schmerz wie weg geblasen. Die letzte Portion Spaghetti Bolognese, die ich um 18 Uhr gegessen hatte, war im Blut angekommen und die Strecke war wie für mich gemacht: Leicht bergab mit Rückenwind über viele Kilometer. Mir standen die Endorphine bis unter die Schädeldecke! Paris, ich kam! Und wie.

 Stempel im Ziel in Paris - GeschafftIch fuhr am Donnerstag um 00:03 Uhr, nach insgesamt 78:03 Stunden, über die Ziellinie in Paris. Es war perfekt! Die Ankunft und der Empfang im Velodrom waren absolut unspektakulär. Nur ein paar einzelne Zuschauer, die applaudierten, ein Beep, als ich über die Zeitnahme Matte gerollt bin. Sonst nichts. Im Velodrom gab es den obligatorischen Stempel und einen Gutschein für eine warme Mahlzeit. Nach dem Duschen und Essen habe ich mich draußen ins Ruhezelt gelegt und bis zum nächsten Mittag geschlafen.

So habe ich rund 10 Stunden geschlafen

Ich selbst hatte bei der Zieleinfahrt keine Freudentränen in den Augen, wie zuvor auf der Strecke schon ein paar Mal. Bei der letzten Kontrolle in Dreux zum Beispiel, als die Stempel-Geber jedem, der herein kam, applaudierten. Jetzt machte sich stattdessen enorme Zufriedenheit in mir breit. Glück und Zufriedenheit. Ich hatte es geschafft. Ich hatte es mir irgendwann vorgenommen, habe angefangen mich damit zu beschäftigen, habe viel Zeit in die Materialbeschaffung investiert, habe alle Hürden genommen und die Brevets bei härtesten Bedingungen im hunderte Kilometer währenden Dauerregen absolviert. Nach jedem Brevet habe ich optimiert, deshalb war ich gut vorbereitet, organisiert, und somit auch stets zuversichtlich. Ich hatte nie, gar nie Zweifel daran, mein Ziel zu verfolgen, selbst beim härtesten Brevet nicht. Und nun war es geschafft. Pure Zufriedenheit. Das war insgesamt echt eine harte Nummer, aber bei PBP selbst war es fast ein Schaulauf.

Ich hatte Spaß, ich hatte viel mehr Hoch- als Tiefphasen. Ich habe die Zeit genossen. Ich habe mir Zeit genommen um es zu genießen und es hat sich ausgezahlt! Dank Internet, Smartphone, Nabendynamo mit USB Ladekabel und Facebook war ich keine Sekunde einsam. Ich hatte so viele, die stets bei mir waren. Ich habe sicher zwei, drei Stunden für Facebook verschwendet, aber das war jede Sekunde wert. Die Erlebnisse mitzuteilen und so viele nette, lustige, aufheiternde und motivierende Antworten von den unterschiedlichsten Leuten zu bekommen, war absolut phantastisch.

Impressionen Paris Brest Paris 2015

Das war mein Abenteuer Paris-Brest-Paris. Eine unvergessliche Genußreise (nicht nur kulinarisch) mit einem traumhaften Abschluss. It was an experience of a lifetime!

Ergebnis Paris Brest Paris 2015, Heike Priess

Mein Ergebnis von Paris Brest Paris 2015

3 Gedanken zu “Paris Brest Paris 2015

  1. Hallo Heike,
    mit Interesse und mit Leidenschaft habe ich Deinen Bericht gelesen. Danke das Du diverse Situationen so großartig geschildert hast. Ich bin auf Deinen Artikel bei meiner Suche nach „Verrückten“ gelandet, die 2019 dieses Abenteuer angehen wollen. Mein Ziel ist eine Teilnahme, ich suche noch nach Gleichgesinnten. Deine Ausführungen haben meinen Wunsch nach Umsetzung verstärkt. deshalb noch einmal lieben Dank für Deine Zeilen.
    Liebe Grüße
    Udo B aus Bochum

  2. Pingback: Die etwas andere Herausforderung: Paris-Brest-Paris auf zwei Rädern | tritime

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