Rennbericht Rad am Ring 2015

Mein Ziel war klar: Nochmal ein gutes und langes Training für meine erste Teilnahme bei Paris-Brest-Paris am 16. August (1200km nonstop) absolvieren. Deshalb durfte nichts riskiert werden: Keine Erkältung, keine Knieschmerzen, keine sonstigen Beschwerden. Plan B war aber immer präsent: Wenn es gut läuft, will ich versuchen aufs Podest zu fahren! Allerdings hatte ich dabei eher an den dritten Platz gedacht.

Der Renntag fing dann leider ganz anders an als geplant. Wegen des Sturmtiefs Zjelko, dass am Samstag über Westdeutschland zog und zahlreiche Unwetterwarnungen auslöste, wurde der Start auf 20 Uhr verschoben, so dass wir ‚nur‘ 17 Stunden fahren durften. Viele Teilnehmer reisten bereits ab, aber mindestens genauso viele waren am Abend richtig heißt, endlich über die Nordschleife fegen zu dürfen. Ich gehörte zur zweiten Kategorie!

Für 24 Stunden hatte ich mir eine drei Runden Taktik überlegt: Drei Runden, bzw. drei Stunden fahren, dann 20-30 Minuten Pause. Für 17 Stunden war das natürlich zu viel Pause. Erst wollte ich, zusammen mit meiner Betreuerin Nicole Bonnie, bei der drei Runden Taktik, aber mit verkürzten Pausen bleiben. Da die vier Runden Taktik vor zwei Jahren zu viel Kraft gekostet hat. Eine Runde am Nürburgring hat nämlich nicht nur 25km, sondern auch 550 Höhenmeter, was die Sache etwas schwierig und kräftezehrend macht. Nach drei gefahrenen Runden habe ich mich aber für eine vierte entschieden, bevor ich die erste Pause mache.

Nach der ersten Pause wollte ich weitere drei oder vier Runden fahren, musste aber nach zwei Runden, also nach Runde sechs etwas Normales essen, weil mein Magen Probleme bereitete. Ich vermute, dass ich die Ernährung unter dieser Belastung nicht gewohnt bin. Bei einem Triathlon ist die Belastung gleichmäßig. Bei Rad am Ring hat man, wenn man auf Bestzeit fährt, eigentlich nie 10 Sekunden Zeit um in Ruhe vom Riegel abzubeißen. Ständig geht es rauf, runter, dann durch die berühmte Fuchsröhre mit 90-100km/h schnell runter und fast unmittelbar danach mit 8-10 km/h und bis zu 15% Steigung 300 Höhenmeter auf die hohe Acht hinauf. Danach geht es wellig weiter und man ist ständig gezwungen zu schalten, in den Unterlenkergriff zu wechseln, Windschatten zu suchen, usw. Kurz gesagt, es bleibt einfach keine Zeit zu essen!

Runde sechs war mental die schwerste. Es war 3:00 Uhr, es war 5 Grad kalt – mitten im Juli- die Beine waren nicht ganz so frisch wie gehofft und der Magen tat seinen Dienst nicht, wie er sollte. Und es waren erst sieben Stunden vergangen. Selbst zu meinem Minimalziel, 12 Stunden im Sattel zu sitzen, waren es noch fünf Stunden. Aber dann bekam ich die erste Platzierungsmeldung: Ich lag auf Platz Zwei! Das änderte alles. Die alte Wettkampfmentalität brach langsam wieder durch. Die Pause wurde so rasch wie möglich beendet und als ich wieder los fuhr, brach auch schon die Morgendämmerung an.

Zwei Runden später kam die nächste Hiobsbotschaft: Ich liege auf Platz 1. Meine Konkurrentin hat wohl ebenfalls eine Pause gemacht. Nun ist der Knoten vollends geplatzt. Ich hatte die reale Chance, Rad am Ring zu gewinnen! Nur noch rund fünf Stunden lagen vor mir, also vier Runden. Nur noch viermal die hohe Acht hoch, der Rest geht schon irgendwie. Ich habe mich auf  meine Stärken, das bergab fahren, den Schwung mitnehmen und die lange Gerade vor der Grand-Prix-Strecke zu drücken konzentriert und die steilen Passagen so kraftschonend wie möglich gefahren. Das hat gut geklappt. Ernährt habe ich mich eigentlich nur noch mit Cola und Gel, irgendwie hat das schon gereicht. Schließlich lag ich auf Platz 1, da spielen die körperlichen Gebrechen dann doch keinerlei Rolle mehr.

In den letzten Runde habe ich  alles gegeben und sogar noch eine Runde unter einer Stunde hin gezaubert. Diese habe ich aber mehr mit dem Kopf, als mit der körperlichen Verfassung zustande gebracht. Wie in guten, alten Triathlontagen. Und so konnte ich tatsächlich als erste Frau über die Ziellinie fahren!

Natürlich hat dieser Erfolg gleich wieder Lust auf mehr gemacht. Und mehr ist geplant: Am 16. August nehme ich die 1200km von Paris-Brest-Paris in Angriff. Dafür musste ich im Frühjahr schon die offizielle ‚Brevet‘ Serie fahren, um mich zu qualifizieren: 200km, 300km, 400km und 600km. PBP ist allerdings kein Rennen. Bei den Ranndoneuren (auf deutsch: Radwanderer), wie die Teilnehmer auch genannt werden, geht es um das Dabeisein. Es gibt keine Siegerehrungen und keine Preise. Und es gibt keine persönliche Betreuung unterwegs. Man fährt offizielle Kontrollstellen an, an denen man sich selbst verpflegt. Das benötigte Gepäck führt man am Rad mit.

Nächstes Jahr ist die nächste ultimative Herausforderung geplant: Im vierer Damenteam wollen wir versuchen, den Rekord beim Race Across America zu schlagen. Das härteste Radrennen der Welt, 4500km quer durch Amerika von der West- an die Ostküste, durch das über 40 Grad heiße Death Valley und über die 8 Grad kalten Rocky Mountains. Berühmt und berüchtigt.

Nach 13 Jahren Triathlon, habe ich aktuell mein Herz ans Langstreckenradfahren verloren. Hauptsache lang! Aber den ein oder anderen Triathlon werde ich in den nächsten Jahren sicher bestreiten.

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