Rennbericht: Den store Styrkeproven – Die große Kraftprobe – Radfahren von Trondheim nach Oslo, 542km, nonstop.

Seit vielen Jahren hatte ich Styrkeproven / Trondheim-Oslo schon auf meiner To-Do Liste. Warum genau, weiß ich gar nicht mehr. Als ich mir letztes Jahr Gedanken über meine sportlichen Ziele gemacht habe, hat sich irgendwie von selbst die Wettkampfplanung ergeben. 2015 findet Paris-Brest-Paris statt. Das steht ebenso lang auf meiner To-Do Liste wie Trondheim-Oslo. Da es nur alle vier Jahre stattfindet, war sofort klar, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist. Und was bietet sich mehr an, als im Jahr zuvor Styrkeproven zu radeln. Gesagt getan. Angemeldet. Auf zu neuen Ufern, neuen Aufgaben, neuen Abenteuern.

Im Vorfeld galt es sich mit dem neuen Hobby zu beschäftigen. Ein neues Rad muss her – ein reinrassiges Rennrad, kein Triathlonrad mehr. Beleuchtung, Navigation, Stromversorgung, Gepäckträger. Alles neue und spannende Dinge.

Da ich keine Ahnung hatte, wie schnell man 540km absolvieren kann, habe ich mir die Ergebnislisten des letzten Jahres angeschaut. Die Top 50 der Damen fuhren alle schneller als 20 Stunden. Uff, so schnell? Das ist ein 27er Schnitt. Brutto, wohl gemerkt. Aber die Top50 Zeiten zu vergleichen erschien absolut realistisch, nachdem ich 2013 bei Rad am Ring gleich mal auf Platz fünf geradelt bin. Deshalb habe ich mich für eine Startgruppe mit 18 bis 20 Stunden anvisierter Endzeit gemeldet.

Ende Mai bin ich bereits 600 km geradelt. Ein ‚Brevet‘, das ich für die Anmeldung zu Paris-Brest-Paris im nächsten Jahr brauche. Die reine Strecke zu bewältigen sollte also kein Problem darstellen. Aber die Geschwindigkeit bei Styrkeproven stellte eine große Unbekannte für mich dar, da Brevets unter anderen Voraussetzungen und wesentlich langsamer absolviert werden.
Es war klar, dass in Norwegen Gruppenfahren angesagt ist. Nur so sind diese Endzeiten realisierbar. Darüber hinaus sind Begleitfahrzeuge Standard. Kurze Toilettenpausen und schnelle Versorgung mit Riegel, Gel, Cola oder anderen notwendigen Dingen. Keine unnötige Zeit für Pausen verlieren. Das alles habe ich nicht. Ich bin als Selbstversorger und Einzelkämpfer angereist. Ich hoffte, mich einer guten Gruppe anschließen zu können und verließ mich auf die angebotene Verpflegung. Damit war ich zwar nicht alleine, aber definitiv in der Minderzahl.

Start war am Samstag, 28. Juni um 09:32 mitten in Trondheim. Es lief alles ganz entspannt ab. Alle zwei Minuten werden 30-50 Leute auf die Strecke geschickt. Beginnend um 07:00 Uhr mit den schnellsten Teams. Ab 09:30 waren die Startgruppen mit 18-20 Stunden Endzeit dran.

Raus aus Trondheim hatte ich die Führung inne. Was war denn hier los? Ich bin nur 28 km/h gefahren. Und dann hab ich den Rest auch noch abgehängt !?! Ok. Also langsamer, wieder hinten einsortieren und erst mal die Lage sondieren. Nach ein paar Kilometern fuhren wir auf die 9:30 Uhr Startgruppe auf und hängten uns hinten dran. Jetzt also 100 Mann stark. Die Gruppe vor uns noch langsamer und von miserablen Gruppenfahrern angeführt. Das konnte nicht gut sein.
Ein Hamburger neben mir scharrte, genau wie ich, mit den Hufen. Als wir mit 23km/h in einen Berg hinein fuhren und in ca. 12. Reihe fahrend fast zum Stehen kamen, habe ich zum Angriff geblasen. Erst sind nur drei mit mir vor gefahren, aber nachdem ich aus der Führung ging, waren es doch ca. 10 Mann. Perfekt! Mut zahlt sich aus. Wir waren etwas zu zügig für mich unterwegs, aber es war noch ok.
Leider stürzte ein Fahrer und dessen Teamkameraden blieben stehen. Die andere Hälfte der Gruppe hielt an der ersten Verpflegungsstation an. So war die Gruppe gesprengt. Kurz vor der zweiten Verpflegung fand ich eine neue Gruppe, mit denen ich ein Stück gefahren bin, bevor ich nach ein paar Stunden meine finale Gruppe hatte.

Leider hatte ich insgesamt keine guten Beine, so dass ich ein zwei schnellere Gruppen nicht mitgehen konnte. Ich konnte an den Bergen nicht richtig hin drücken. Ich sag’s mal so, ich hatte meine Tage, am Anfang noch Bauchweh auf dem Rad und die Tage zuvor waren subotpimal. Was ein Mist – aber nunmal alle 28 Tage.
Außerdem ist mir bei km 40 eine Speiche aus dem Vorderrad gefallen. Aus dem neu eingespeichten Nabendynamo Laufrad. Oh man, da hat mein Mechaniker wohl eine Speiche vergessen anzuziehen. Aber der Achter war so gering, dass ich erst mal weiter gefahren bin. Mal sehen, was passiert. Eigentlich wollte ich einen Mechaniker aufsuchen, aber irgendwie war das Fahren kein Problem und deshalb wollte ich keine Zeit verlieren. Und tatsächlich hat das gute Airstreeem Laufrad bis Oslo durchgehalten! Mit einer fehlenden Speiche!

Die angebotene Verpflegung des Organisators war durchschnittlich. Es gab jedes mal eine andere Suppe (bis hin zur Fischsuppe bei km 430). Und es gab trockenes Toastbrot mit trockenem Käse belegt. Und es gab Bananen. Davon aber reichlich :-/ Einmal gab es einen Eintopf mit Fleisch und bei km 430 gab es Nudeln und Schokolade. Das tat gut. Zu Trinken gab es irgendeinen Saft, ich würde sagen milden Apfelsaft, Iso und Wasser. Ach ja, und Kaffee. Immer Kaffee. Aber ich hab nur einmal einen halben Becher getrunken und das auch nur, weil er warm war 🙂 Denn nachts hatte es 6,1 Grad. Brrr. Gott sei Dank hat es, außer ein paar harmlosen Tropfen, nicht geregnet! Nur der Gegenwind war nicht zu unterschätzen. Der blies zeitweise wirklich ordentlich.

Ich war so froh, dass ich mich für Beinlinge, die dicke Regenjacke und lange Handschuhe entschieden habe! Ich wollte eigentlich wie beim 600er Brevet mit kleiner Satteltasche bepackt fahren. Aber in der Woche vor dem Rennen habe ich mir Fotos vom letzten Jahr angeschaut und dort war keiner mit viel Gepäck unterwegs. Davon habe ich mich anstecken lassen. Mittlerweile ist mir klar, dass die meisten Fahrer ihre Begleitfahrzeuge haben und warme Bekleidung gereicht bekommen.
Das habe ich gelernt: Nachts, zwischen 2 und 4:30 Uhr wird es auf dem Rad verdammt kalt. Nicht nur in Norwegen. Das ist nicht zu unterschätzen!

Ansonsten war für Essen und Trinken nie genug Zeit. Meine Gruppen haben meist nur 3-5 Minuten Pause gemacht, denn sie hatten ja ihr Teamfahrzeug. Das blaue Team hat die Pause ganz kurz gehalten, das weiße hat zumindest das Angebot an Suppe und Kaffee genutzt. Aber im Grunde hieß es immer runter vom Rad, schnell eine Suppe nehmen, die zu heiß war um sie sofort zu trinken. Ein trockenes Brot versuchen runter zu schlucken, Flaschen auffüllen, Pinkeln, schnell, schnell und ab aufs Rad. Die letzten Bissen Brot und den letzten Schluck Suppe noch schnell auf dem Rad runter würgen. Puh!
Irgendwann habe ich mich so sehr nach 5 Minuten entspannter Pause gesehnt. Aber da war ich vom Rennfieber schon so angefixed, dass ich das natürlich nicht gemacht habe.

Ich bin eine Zeit lang mit dem weißen Team aus Oslo gefahren. Wir sind auf die blauen aufgefahren und haben uns erst mal dran gehängt. Auf dem Dovrefjell sind wir dann vorbei und haben einen ganz ordentlichen belgischen Kreisel gemacht. Leider war er nicht ganz rund, was Körner gekostet hat. Aber es hat Spaß gemacht und man ist ins Gespräch gekommen.
Irgendwann wurde mir das leider zuviel und ich habe mich nach der nächsten Verpflegung wieder hinter die blauen gehängt. Die waren bergauf so langsam, dass wir hinten dran teilweise fast zum Stehen kamen. Wirklich langsam. Aber insgesamt gleichmäßig und durch ihre kurzen Pausenzeiten auch gut unterwegs. Und so haben wir sogar die Weißen wieder überholt, die eine etwas längere Pause eingelegt haben. Ich bin also zwischen blau und weiß hin und her gependelt.
Zu diesem Zeitpunkt hat man eh immer dieselben Gesichter wieder gesehen. Mal hat einer eine längere Pause gemacht, mal ist er mit vier schnelleren Fahrern wieder von hinten gekommen, mal hat er eine Pause ausgelassen und sich vom Teamfahrzeug versorgen lassen. Egal wie, es waren immer dieselben. Man kannte sich langsam und freute sich, wenn man sich wieder gesehen hat.

Trotzdem waren die ersten zwölf Stunden kein schönes Radfahren. Zuerst die langsame Gruppe mit Stopp and Go aus Trondheim raus, dann die etwas zu schnelle 10er Gruppe, dann die zu langsamen Blauen, dann der nicht ganz runde belgische Kreisel bei den Weißen, dann wieder die langsamen Blauen. Puh. Alleine fahren war aber noch eine schlechtere Option, weil ich nie so schnell fahren kann, wie eine ganze Gruppe und dazu bließ ein extremer Gegenwind. Also bin ich erst mal eine lange Zeit brav hinter den Blauen geblieben. Ein anderer Deutscher hat die Situation gut beschrieben. Die Gruppe ist mies, aber man kommt mit ihr ins Ziel.

Einen weiteren Vorteil hatte das blaue Team ebenfalls zu bieten: Da ich auf Toastbrot und Bananen Diät war, meine PowerBars und Gels nach zwölf Stunden langsam zur Neige gingen, war meine Energieversorgung nicht die Beste. Bei hohem Tempo habe ich das sofort gemerkt. Aber hinter den Blauen war ich in einem guten Fettstoffwechseltempo, das ich auch mit Brot und Bananen bis nach Oslo durchgehalten hätte.

Das weiße Team aus Oslo und ich im Ziel

Das weiße Team aus Oslo und ich im Ziel

Aber dann kamen ja Gott sei Dank meine Weißen wieder 🙂 Ideal. Ich war gut drauf, hatte mich hinter den Blauen gut erholt und habe mich wieder den Weißen angeschlossen. Hier war mittlerweile nicht mehr an einen belgischen Kreisel mit 38km/h zu denken. Es wurden 32-35km/h gefahren. Perfekt! Leider etwas zu schnell mit nur Brot und Bananen. Also aber meine letzten PowerBars aufgebraucht waren und ich ein echtes Energieloch hatte, halfen sie mir mit Riegeln und Cola aus. Dankeschön!

Vor allem die Cola hat es raus gerissen. Es ist wirklich unglaublich. Was ein Unterschied zwischen vier bis fünf Stunden im reinen Fettstoffwechsel und dann wieder auf Zucker. Man muss nur 45 Minuten lang beißen und irgendwie dran bleiben, bis man langsam merkt, dass der Zucker wirkt, aber dann schlägt es ein. Der Kopf wird wieder klarer, die Radbeherrschung kehrt zurück und man macht wieder Scherze. Genau so war das. Perfekt. Nun hieß es also nur noch die letzten zwei bis drei Stunden im hohen 32er Tempo durchhalten und alles wird gut!

Zieleinfahrt in Oslo nach 540km

Zieleinfahrt in Oslo nach 540km

Aber die letzten Kilometer ziehen sich! Das ging mir beim 600er schon so. Die Wahrnehmung verzerrt sich bei diesen Distanzen ganz schön. Nach 440km denkt man sich: Oh, nur noch läppische 100km. Umgerechnet sind das aber nochmals drei bis vier Stunden! Das heißt auch, nochmal drei Stunden Wettkampfernährung, so gut wie irgend möglich. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem der Magen nicht mehr wirklich aufnahmebereit ist.
Beim Triathlon motivierte ich mich immer mit den letzten zehn Kilometern. Das hieß, noch maximal 40-50 Minuten alles geben und leiden. Hier sind es halt noch drei bis vier Stunden. Das ist schon hart. Muss ich zugeben. Und das zieht sich dann wie Kaugummi. Puh. Aber egal. Einfach immer treten, treten, treten.

Nach 19:40:08h bin ich über die Ziellinie in Oslo gerollt! Als 44. Frau, also in den erwarteten Top50. YES! I did it 🙂

Danke an Hirschkuss für die Reisekosten, an IstriaBike für die Startgebühr, an PowerBar für die Verpflegung und an Airstreeem für das gute Fahrrad! Ihr habt mal wieder einen großen Teil beigetragen. Vielen lieben Dank dafür!

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